Nagorno Karabakh oder der Granatapfel Europa

 

Das Gute

Die mächtigen Hände umschliessen die zur Hälfte gebrochene Frucht vollständig. Mit aller Kraft presst Vahan seine Handballen aneinander. Er keucht erhaben, um der dargebotenen Anstrengung Nachdruck zu verleihen. Nach wenigen Sekunden bahnt sich das leuchtend rote Elixier den Weg durch die Ritzen der verkeilten und unter dem Druck bebenden Finger und tropft letztendlich feierlich in den leeren Plastikbecher. Mit den Gesten eines Burgschauspielers deutet er die Wunderwirkung des sagenumwobenen Granatapfels. 

 
 

Im Falle eines Unwohlseins oder Schmerzes im Bereich des Bauches - oder Darmes - genüge ein ausgepresster Granatapfel und - seine Arme simulieren eine ausladende Bewegung des Wegwerfens - das Unheil ist beseitigt. 

 
 

Das Schöne

Die kleine Republik am östlichen Rand von Armenien bemüht sich wahrhaftig.

Eine schöne, saubere Hauptstadt, teilweise sehr gute Strassen -  wenngleich am Rest gearbeitet wird - etliche Kultureinrichtungen und Denkmäler, ein gedeihliches Bildungsangebot, eine sehr gute und gesunde Kueche, ungemein fröhliche und gastfreundliche Menschen und ein landschaftlich enorm vielfältiges Terrain; von tiefen, dichten Wäldern im Westen zu kargen, wüstenartigen Hügellandschaften im Osten.

 
 

Hirte auf der Strasse in Richtung Berdzor

 

Kirche von Berdzor

 
 

Aram [84] arbeitet trotz seines hohen Alters noch immer als Aufseher einer Schürf­gru­be. An diesem Morgen lud er uns zum Frühstück in seinen Container ein. Es gab Brot, Käse, Brathendl, Kaffee und natürlich Vodka.

 
 

Das Ungeheuerliche

Trotz alledem hängt eine dumpfe Glocke der Fährnis über dem Land. Diese unverwandte Bedrohung stellt tatsächlich alle veritablen Bemühungen in den Schatten, erstickt wirtschaftliche, strukturelle und politische Ambitionen im Keim. 

Passiert man nämlich die kleine Grenzstation zu Armenien, fährt man faktisch in eine Einbahnstrasse, kämpft Nagorno Karabakh schliesslich seit 25 Jahren um die Unabhängigkeit vom eigentlichen Territorialherren Aserbaidschan. Und dort, wo sich die kargen, sanften Hügel in eine schier endlose Wüste verflüchtigen, verläuft die Frontlinie eines festgefahrenen Konfliktes.

 

Schützengraben, Tigranakert

 
Die Flaggen von Armenien und Nagorno Karabakh, südliche Grenzstation zu Armenien

Die Flaggen von Armenien und Nagorno Karabakh, südliche Grenzstation zu Armenien

 
 

Interlude

In Vank vergisst du dein Handy auf der Mauer vor einem kleinen Restaurant. Der Besitzer hat euch auf einen Kaffee eingeladen und den Abschiedsgruss in allerlei Sprachen hinterhergerufen. Später, als du den Verlust bemerkt hast und zum Restaurant zurückgewandert bist, liegt er schlafend am Tisch auf der Terrasse. Der schüchterne Junge, dessen heller Blick eine ausgesprochene Klugheit erahnen lässt und welcher euch heute eine verborgenen Wasserstelle zeigte, erscheint in der offenen Tür zur Küche. Wie er dich sieht, hebt er freudig die Hand, verschwindet im Inneren des kunstvoll verzierten Rahmens, um kurz darauf mit dem schwarzen Ding in der Hand zurückzukehren. Mittlerweile ist auch der erschöpfte Vater aufgewacht und stellt zwei Bier auf den Tisch. Mit leuchtenden Augen erzählt er dir von seiner Tochter, die am Konservatorium in Yerevan Gesang studiert und vor kurzem in Barcelona einen Wettbewerb gewann. Auf einem kleinen DVD Player mit dezent übersättigtem Display, angeschlossen an zwei erbärmlichen Lautsprechern, versucht er geduldig, einen Mitschnitt vom Auftritt seiner Tochter abzuspielen. Immerfort bricht die Stromversorgung, fixiert mit einer als Leiter zwischengeklemmten Besteckgabel, nach nur wenigen Sekunden ab. Nachdem er behutsam die zitternde Hand seines Vaters abgeführt hatte, gelingt es dem Jungen, der fragilen Konstruktion Stabilität einzuhauchen. Es folgt eine pathetische Darbietung einer wunderschönen jungen Dame; feierliche Bilder und wahrscheinlich ergreifender Gesang, aufgenommen von einer nicht minder zitternden Kamerahand und aus scheppernden Boxen wiedergegeben.

Seine Augen strahlen erneut, als er von Europa spricht. Die offenen Grenzen, dieses Potenzial dank Vernetzung und kreativem Austausch, der erleichterte Warenverkehr. Davon könnten die Menschen hier und in Armenien nur träumen. Bevor du dich verabschiedest, schiebt er dir einen Zettel mit dem Link zum Youtube-Channel seiner Tochter über den Tisch. Nach einer herzlichen Umarmung wanderst du verloren auf der stockfinsteren Dorfstrasse zurück zu eurem paradiesischen Platz am Bach, wo ihr für diese Nacht eure Zelte aufgeschlagen habt. 

 

Bett in der Moschee von Agdam.

 

Kleines Lebensmittelgeschäft nahe an der Frontlinie, Tigranakert

 
Verlassener Vergnügungspark, Martakert

Verlassener Vergnügungspark, Martakert

 
Siedlungsbau in den Bergen, Seyidbəyli

Siedlungsbau in den Bergen, Seyidbəyli

 

Wirkung

In der in den 90er Jahren völlig zerstörten und nie wieder aufgebauten Geisterstadt Agdam stehst du vor einem in voller Blüte stehenden und von Ruinen umringten strauchartigem Baum. Seine schweren roten Früchte hängen in wohlgeordneter Harmonie, ja fast wie inszeniert zwischen den spitzen, dunkelgrünen Blättern. Angesichts der sichtbaren Spuren brutaler Gewalt rings herum bestrachtest du den Granatapfelbaum als ein Zeichen der Hoffnung und erhebst ihn zum Symbol für Europa.

 

Das Auto eines Soldaten in Agdam.

Und die Stadt, oder besser das was davon übergeblieben ist, nämlich ein Militärstützpunkt in einem einbruchreifen, vierstockigen Haus und die historische Moschee, welche tatsächlich als einziges Gebäude von der armenischen Armee verschont wurde, darf als ein Symbol für Irrsinn und Menschenverachtung gesehen werden.

Riesige, quadratische Löcher in der Erde, die als Versteck für Geschütze und Panzer dienen. Martekert

Riesige, quadratische Löcher in der Erde, die als Versteck für Geschütze und Panzer dienen. Martekert

 
Ein Feldweg in Richtung Aserbaidschan. Tigranakert

Ein Feldweg in Richtung Aserbaidschan. Tigranakert

Was du hier siehst, entlang dieser schier endlosen Strasse die nahe an der Frontlinie verlauft, ist ein Rückblick, stellvertretend für die Zeit des letzten Krieges, welcher Europa in den Abgrund gestürzt hat. Es ist ein Niemandsland, verletzte und verbrannte Erde. Schützengräben, ausgebrannte Autos, Haufen von Konservendosen, zerbombte Häuser, die wie verlassene Bühnen wirken. 

Und eine unfassbare Stille.

 
 
 
 

Faktum

Seit mehr als 70 Jahren gibt es keinen Krieg mehr in Westeuropa. Niemals gab es in der europäischen Geschichte eine vergleichbare Periode des Friedens und des Wohlstandes.

Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde aufgrund der extremen nationalistischen Verwüstung, die den Kontinent an den Abgrund geführt hatte, ein erster Versuch unternommen, dieser Gefahr der Zerfahrenheit entgegenzusteuern und eine erneute Eskalation zu verhindern. Stellvertretend für diesen ersten Zusammenschluss stand die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die als Verläufer der Europäischen Union gesehen werden darf. Dieses mühevoll aufgebaute Projekt ist nun im Begriff, von nationalistischen Bewegungen in den einzelnen Mitgliedsstaaten, zerschlagen zu werden.

 

Perspektive

Dieser Text entstand in einer friedlichen Nacht, im Zelt liegend, nahe an der Grenze zum Iran, welchen ich in naher Zukunft mit meinem Fahrrad bereisen werde. Der Iran ist ein Land, das uns für seine repressive Politik als ein Symbol der Abschottung bekannt ist. Ich hoffe innigst, das wir uns in Europa, neben der vielen Unstimmigkeiten und Probleme, welche grossteils hausgemacht sind, auf die Grundidee des europäischen Gedankens besinnen und die unzähligen Vorzüge als das sehen und beschützen und dafür kämpfen, worum uns so viele Menschen auf dieser Welt beneiden. Und nicht in den schmerzhaften Versuch kommen, ein einzigartiges Projekt des Friedens zu zerstören.