Baba und fall nit.

Wahrscheinlich war es nicht die beste Idee, sich die Stadt als erstes Ziel zu setzen. Auf der Fahrt durch das Land tauchte er kurz auf, der Rhythmus, wie ein lang erwarteter Freund, der einem durch eine hektische Menschenmenge entgegenkommt. Und jetzt, wieder zurück in der Stadt, verschluckt einen die Menschenmenge und man sieht dem davonschlendernden Geist sehnsuchtsvoll hinterher.

 
 
Ivans Appartment, Bratislava

Ivans Appartment, Bratislava

 
 

Du wirst wieder eingeholt von dem unheimlichen Gefühl, zu Hause einen organisatorischen Trümmerhaufen hinterlassen zu haben. Ein Jahr unterwegs. Ohne ein wirkliches Ziel; Singapur ist ein abstrakter Anker, mehr nicht.

 
 
9738 km - Luftlinie Singapur

9738 km - Luftlinie Singapur

 

Du hattest es eilig, Österreich zu verlassen. Der kurze Abschnitt durch Ungarn war der Höhepunkt der Etappe. Vor der Grenze nichts als Zäune, perfekt gestutzte Sträucher, ein Auto in und eins vor der neuen Garage. Du fährst über eine nun unsichtbare Grenze und plötzlich wird ein Vorhang aufgezogen und alles ist anders. 18 km durch das Nachbarland vergehen bis auf eine ausgeschüttete Dose Cola ohne nennenswerte Unterbrechungen. Mitten am Dorfplatz; in Österreich würdest du wahrscheinlich seltsame Blicke ernten, wahrscheinlich würde dich wer "drauf aufmerksam machen"; hier interessiert es niemanden. Überhaupt hebt selten jemand den Kopf, geschweige denn grüßt. Dir soll es nur recht sein.

Das letzte längere Gespräch in Österreich; schon im Vorhinein ist dir klar, dass sich diese belanglose Unterhaltung drehen und bald unaufhaltsam um das Thema "die Asylanten" kreisen wird. Ja, Österreich ist gespalten. Das wird dir klar, wenn du durch das Land reist. Um das sinnlose Gespräch zu beenden (wie soll man gegen solche "Argumente" ankommen?) bittest du den Mann erschöpft um ein gemeinsames Foto. Er willigt ein und drückt dir zum Abschied zwei Energydrinks in die Hand. Du wirst sie dem nächsten "Asylanten" schenken, rufst du ihm noch zu, während er dir lächelnd hinterher winkt.

 

 
The Stove made out of a beer can (by  Tom Allen )

The Stove made out of a beer can (by Tom Allen)

 

Du kochst dir in einem neuen Topf eine Suppe, baust ein neues, ultraleichtes Zelt auf, legst dich in einen neuen, nach Plastik riechenden Schlafsack, liest ein paar Zeichen in einem Kindle, stellst dir auf einem Smartphone den Wecker,  holst diese tolle Kamera hervor, schaltest dein fancy Lichtsystem ein, machst ein Selfie, ladest - ohne eine Steckdose weit und breit - deinen IPod auf, checkst nochmal deine E-Mails

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erst jetzt merkst du, dass es regnet.

In der Stadt waren die Abende bei Regen immer die lautesten, da sich das Rollgeräusch der Autos verdoppelt. Jetzt ist es eine Erlösung.

 

Am Morgen des 10. Juni regnet es noch immer. Das Zelt ist nicht mehr neu, dafür singen die Vögel.

 

 

Während eines ausgedehnten Frühstücks mitten am Dorfplatz, wo du natürlich einen seltsamen Blick erntest,  siehst du in einiger Entfernung wirklich einen richtigen "Asylanten". Sitzt da auf einer Bank und winkt dem Bauern zu, der mit seinem Traktor das ganze Dorf aufweckt. Vor diesen Menschen hat er also Angst, der gute Mann, der gestern aus der Kronenzeitung zitierte. Die Energydrinks hast du am Abend zuvor auf einer Bushaltestelle entsorgt. Du beschließt spontan, den Gast auf einen Tee einzuladen, wie du in Triest am Porto Vecchio so oft spontan eingeladen worden bist, als du ihre Häuser betreten und diese Tragödie dokumentiert hast. Allein, dein einzig selbst hergestelltes Gerät, der Ofen, dieses Wunder, will nicht. Auch der Mann ist schon verschwunden und so machst du dich auf den Weg, um deine Heimat zu verlassen.

 
 

Die letzten Kilometer in Österreich sind landschaftlich zwar schön, der Mensch aber hat seine Spuren hinterlassen. Du kennst das alles. Die immer wiederkehrenden Logos der großen, provinziellen Firmen, diese seltsame Ausgestorbenheit der Dörfer. Man trifft sich jetzt außerhalb der Mauern, im EPE, REGA und wie diese hässlichen "Einkaufszentren" alle heissen mögen. Immer die gleichen Marken, immer diese grauen Parkplätze, die von KIK, DEICHMANN, LIBRO und CO. wie gefräßige Mäuler umringt werden. Um dorthin zu kommen, muss der Dorfmensch von heute mobil sein. Überall stehen dicke Autos rum.

Wie kommen die alten Menschen hierher und wollen sie das überhaupt? Man sieht sie im Ortskern verloren herumsitzen, vergessen, weil nicht mehr gebraucht. 

 

 
 

 

 

Diese Bilder begleiten dich auf deinen letzten Stunden durch Österreich. Nichteinmal fotografieren willst du diese Tristesse. Obwohl du doch sonst die Ästhetik des Hässlichen als recht interessant empfindest. 

Den krönenden Abschluss bildet Parndorf. Du bist zu schwach, um einer Idee nachzugehen. Du denkst an Tarek Leitner und sein Buch. Er hat recht.

Österreich, baba und fall nit.