Batumi

Ein Haus auf Zeit

 

Truckers on the ferry.

Die dröhnende Stadt lockt mir allerlei Faszinationen. 

Das Glücksspiel beherrscht die Straßenecken, versteckt sich aber auch hinter Glasfasaden, ja selbst in den unzähligen Kleinbussen wird um einige Laris gespielt. Die unzähligen kleinen Geschäfte haben bis spät in die Nacht geöffnet; wenn sie denn überhaupt schließen.

Der Verkehr verschwimmt zu einem kreativen Chaos, für die scharfen Kontraste sorgen blinkende Polizeiwagen und hupende Taxis. Mit dem Fahrrad ist dieses Hinabtauchen in ein permanentes Suchen von Räumen, kurz aufklaffenden Lücken, ein Rausch, ja fast eine Parzellierung des Selbst; für Millisekunden vergisst man Weg und Ziel. 

 

The traffic below and above.

Du hast ein Haus gefunden. 

Von hier aus lässt sich die Stadt in einem Blick erfassen. Sie wird zu einem Mikrokosmos. Welche Möglichkeiten, wie viele Geschichten.

Der feine Geruch von Moder verschwindet auch am dritten Tag nicht, die Geräusche der Fledermäuse im Dachstuhl, vorwiegend bei nachts, werden jedoch weniger; haben sie dir das Haus überlassen? Auch die lästigen Stechmücken sind im Begriff aufzugeben.

Es gibt hier kein Wasser, kein Internet, keine Kochgelegenheit, jedoch einen alten Fernseher, zwei Betten, deren Drahtmatratzen gefühlt bis an den Boden hinabhängen, einen Tisch, zwei Stühle und jede Menge eingeschlagener Nägel, an denen man seine Habseligkeiten aufhängen kann.

 

Sunrise over Batumi

Ein neuer Freund. 

Er sitzt auf der Veranda und bewacht das Haus, nun auch dich. Am ersten Tag hat er dich aus der Ferne beobachtet, mit seinen wilden, glänzenden Augen. Als du spät in der Nacht heimkommst liegt er vor der Türe und knurrt existenzbedrohend, als du deine Taschenlampe auf ihn richtest. Auch du bist erschrocken und überlegst, wie die Situation möglichst geschmeidig enden könnte, da du ihm den Weg abgeschnitten hast. Langsam gehst du bis zur Türe, der schwarze Hund weicht bis an die Kante der Veranda zurück, du drehst den Schlüssel im Schloss um und verschwindest im Inneren. 

Schon am nächsten Tag, freilich erst nachdem du ihm eine Gegenleistung in Form von abgelaufenen Fleischstücken anbietest, habt ihr euch aneinander gewöhnt. Wenn du jetzt das Haus verlässt, folgt er dir winselnd bis zur Abbiegung wo die Hauptstraße beginnt. Hin und wieder spürst du seine kalte Schnauze an deinen Füßen, vorsichtig tastet er sich heran. Du hütest dich, ihn zu streicheln, bei jedem Versuch, duckt er sich geschickt weg. Er ist frei, gehört niemandem.

Drei von sechs Nächte verbringst du hier mit Fieber und Brechreiz. Die letzten sechs Wochen zeigen sich erkenntlich. Zwieback und heisses Wasser. Paolo Coelho, Aleph. Das einzige englischsprachige Buch, das du finden konntest. Niemand weiß, wo du bist.

 

Another attempt to imitate Stephen Shore.

My BATUMI.

Der Weg in die Stadt führt den Hügel hinab. Es ist immer eine schnelles Hinabtauchen und eine beschwerliche Heimkehr. Am unteren Ende des Hügels angekommen erscheinen die ersten Wohnsiedlungen. Und wie immer; alle Menschen sind in den Straßen. Kinder laufen umher, Erwachsene sitzen zusammen und unterhalten sich. Diese Bilder kennst du seit der Ukraine.

In der Slowakei sahst du viele alte Menschen immer allein an ihren Fenstern oder Gartenzäunen stehen, mal verloren, mal neugierig und oft desinteressiert auf die Straße blicken.

Hier kennt jeder jeden. Jede kurze Pause, jedes Innehalten während der eigenen Geschäftigkeit wird als Chance wahrgenommen, Geschichten auszutauschen, selbst wenn es wahrscheinlich oft die gleichen sind. Auch du wirst eingeflochten in dieses Netz sozialer Interaktivität. Wahrlich gewöhnungsbedürftig für einen Westeuropäer. 

Welcome to Georgia.

Du hast noch nichts gesehen von diesem Land. Doch schon die freundliche Begrüßung der Grenzpolizistin, die staunenden Blicke der Zollbeamten, ja selbst die Einfahrt durch die Tore der Stadt, mitten in der Nacht und bei diesem chaotischen Verkehr riefen ein wohliges Gefühl in dir hervor. 

Wie ein verschwunden geglaubter Freund wirst du empfangen. Selbst der Ausstellungsbereich wird eigens für dich geöffnet. Die Gruppe von Freunden um den Contemporary Art Space Batumi haben ihr Cafè erst vor wenigen Tagen eröffnet, überall wird noch geschraubt und gemalt, oft bis spät in die Nacht. Schon am dritten Tag bieten sie dir einen Job als Kellner an. 

 

View from the window.

Und jedes Mal, wenn du hinausschwimmst auf das Schwarze Meer, siehst du die Berge in der Ferne und beschließt, dass du das alles am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, hinter dir lassen und wieder die offene Straße einschlagen wirst.

 

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