Fluidum

 
 
 

Eine Hand hält das Bierglas, die andere den müden Kopf. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis du vollkommen verschwindest.

 
 
 

Dein Körper bleibt in sich zusammengesackt an den Tisch geschmiegt, doch der Geist erhebt sich und schwebt über die fröhliche Runde hinweg, über den Fluss, streift durch die geschlossenen Souvenierstände, passiert den Schranken, tanzt mit den unzähligen Mücken über die warmen alten Scheinwerfer hinweg und verbündet sich schliesslich mit dem gleißenden Licht, das einige hundert Meter weiter auf die nackten Felsen von Vardzia trifft. 

Für einen Moment noch vernimmst du die lachende Stimme von Sam, der von Tanzania erzählt, in dieser leidenschaftlichen, aber oft dezent übertriebenen, amerikanischen Manier. 

 
 
 

Und plötzlich bist du nur noch Imagination, pulverisiert  und von den zahllosen schwarzen Löchern verschluckt. 

 
 
 
 
 
 
 
 

Eine schwangere Frau kniet vor einer Kvevri. Das Loch im Boden ist zu etwa 3/4 mit Maische und Most gefüllt.

Sollte sie einen Sohn gebären, wird der Jungwein in eine kleinere Kvevri gegossen, versiegelt und diese erst wieder zur Hochzeit geöffnet.

 
 
 
 
 
 
 

Immer tiefer geht es hinein in den Berg, dessen Höhlen mit Keramikleitungen zur Wasserversorgung verbunden sind. Sie führen hinab zu einem kleinen See, dessen kostbarer Inhalt sich durch die Tränen der guten Königin Tamar füllt. 

Du beugst dich hinunter, formst deine Hände zu einer Schale und  dann zieht es dir die Beine weg. Nichts in dieser Dunkelheit verspricht einen Halt.  

 

 
 

In der einzigen Bäckerei der Stadt wird rund um die Uhr gearbeitet. Wie der Wein wird das Brot in runden Löchern im Boden, in denen ein Feuer entfacht wird, zubereitet. Der geknetete und portionierte Teig wird mit Hilfe eines Holzstückes an die heisse Innenwand des Ofens geklebt und gebacken.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Du erwachst auf dem Rücken liegend. 

 

Die Wände des Zeltes schwanken unter dem sanften Druck einer morgendlichen Brise und für mehrere Augenblicke scheint dein fragiles Haus zu atmen. In dieser friedlichen Stille findet der Fluss Gehör. Seit du unterwegs bist sind Seen und Flüsse wichtige Bezugspunkte geworden. Nach einem gierigen Schluck Wasser schälst du dich aus deiner Behausung und starrst lange auf die von der aufgehenden Sonne erleuchteten Felsen.

 

 
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Der Tisch, an dem ihr gestern zusammengesessen seid, steht verloren auf der Wiese und die ersten Wespen genießen ihr Frühstück. 

Aus dem geheimnisvollen, schäbigen Schuppen dringt lautes Lachen. Die Tür öffnet sich und ein Mann tritt ins Freie. Er zündet sich eine Zigarette an, winkt freundlich und deutet dir unmissverständlich, herüberzukommen.

Welch eine Überraschung!  Im Inneren befindet sich ein altes Sulfurbad.

 
 
 
 
 
 

Nach ein paar Minuten in dem nach faulen Eiern riechenden, heissen Wasser kehren die Lebensgeister zurück. Anschliessend packst du deine Sachen, verabschiedest dich still von deinen noch schlafenden Freunden und machst dich auf den Weg in Richtung georgisch-armenischer Grenze.

 
 
 
 

Vardzia (Georgian: ვარძია) is a cave monastery site in southern Georgiaexcavated from the slopes of the Erusheti Mountain on the left bank of the Kura River, thirty kilometres from Aspindza. The main period of construction was the second half of the twelfth century. The caves stretch along the cliff for some five hundred metres and in up to nineteen tiers. The Church of the Dormition, dating to the 1180s during the golden age of Tamar and Rustaveli, has an important series of wall paintings. The site was largely abandoned after the Ottoman takeover in the sixteenth century. Now part of a state heritage reserve, the extended area of Vardzia-Khertvisi has been submitted for future inscription on the UNESCO World Heritage List.

Source: https://en.wikipedia.org/wiki/Vardzia