Über Gastfreundschaft

Ein nicht identifizierbares Etwas schleppt sich langsam die Dorfstraße herauf. Hin und wieder kreuzt es die Straße im zickzack, bis ein hupendes Auto es zurück an den Straßenrand verbannt. Vasil blickt direkt in die untergehende Sonne. Erst nach ein paar Minuten wird der schwarze Punkt erkennbar und er setzt sich auf die Stufen vor dem Lebensmittelladen seines Freundes Igor. Nach ein paar weiteren Minuten ist der Fremde am Ende des Hügels angekommen. Er atmet schwer, ist durch und durch verschwitzt und macht einen erschöpften und etwas ungepflegten Eindruck. Direkt vor Vasil schwingt er sich aus dem Sattel und lehnt sein vollbepacktes Fahrrad an das Stiegengeländer. Unsicher streift sein Blick die wachen blauen Augen Vasils. Der Fremde murmelt unverständliche Worte vor sich hin und verschwindet im Inneren des Geschäftes.

Nachdem er mit einem Joghurt, zwei Bananen und 2l Wasser in den Händen den Laden verlässt, alles sorgfältig in die ohnehin schon sichtlich vollen Taschen verstaut, starrt er verloren auf sein Handy und blickt anschließend müde um sich.

Was zum Teufel will der mit dem ganzen Zeug?, denkt sich Vasil und mustert das Fahrrad. Und wohin will er damit?

Grußlos fährt der Fremde davon und nach dem letzten Haus, dort wo zunächst der Spielplatz und und dann der große Wald kommt, biegt er vor den Augen einer Gruppe lachender Kinder ab. 

Igor tritt aus der Tür und setzt sich neben den Freund.

- Ich glaube, er wollte wissen, ob man hier irgendwo zelten kann, in den Wäldern. Ich hab ihm gesagt, dass es in 5km eine Pension gibt, was er aber sicher nicht verstanden hat. Er kommt aus Österreich. Keine Ahnung, was der hier will.

- Ich denke, er weiß auch nicht, dass es heute noch ein Gewitter geben wird.

- Hab ich ihm auch gesagt, aber er hat ja nichts verstanden.

- Gut, ich werd mal sehen, was er vor hat.

Vasil geht langsam den selben Weg zurück, den er kurz zuvor gekommen war. Dort, wo der Fremde abgebogen ist, nach dem Spielplatz, beginnt die Baustelle, auf der er seit ein paar Wochen arbeitet. Sie erstreckt sich über gut 35km, in den nächsten Ort, dann immer weiter und die Schneise durch den Wald wird von Tag zu Tag länger. Sie verlegen eine neue Stromleitung, endlich soll mit Ausfällen Schluss sein. Und bald werden Vasil und seine Kollegen ihr zeitweiliges Zuhause, den blauen Container am Waldrand - in dem sich 6 Stockbetten, eine Küche, ein Tisch und zwei Fernseher befinden - auf einen Lastwagen verladen und an einen neuen Ort ziehen. 

An diesem Abend wird er den Fremden einladen. Sie trinken Bier und schauen Fußball. Igor’s kleine Tochter kommt vorbei und bringt ein selbst zubereitetes Abendessen. 

Am nächsten Morgen, nach dem heftigen Gewitter, lachen sie über google.translate, reichen sich die Hände und gehen (fahren) ihrer Wege.

 
 
 
 
 
 

Vasil (rechts) und ein Freund

 

(Anmerkung: In den nächsten Tagen dachte ich viele Male über diese besondere Geste der Gastfreundschaft nach. Ich bin mir nach wie vor sicher, dass weder ich noch viele andere Menschen in Österreich so gehandelt hätten wie mein Freund Vasil. Besonders dafür bin ich ihm unendlich dankbar.)